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Dies Porträt der St. Petersburger Fluglinie ist der Versuch eines Vielfliegers über gefestigte westliche Vorurteile hinweg eine faire und differenzierte Darstellung einer nach meinem Dafürhalten empfehlenswerten Fluglinie zu geben:
Fangen wir mit dem unangenehmen Teil an, den weit bekannten Gründen, warum wir bei russischen Fluglinien eher an Katastrophen denken, als an Reiselust: In den Jahren ab 1992 entstanden in Russland aus der alten Staatslinie "Aeroflot" über 300 neue Fluglinien. Das Flugmaterial der Aeroflot wurde aufgeteilt und von der einstmals größten Fluglinie der Erde mit über 2.000 Flugzeugen blieb das, was wir heute als Aeroflot kennen: Eine bunt zusammen gewürfelte Flotte mit derzeit noch etwa 147 Flugzeugen aus 19 (!) verschiedenen Typen. Ursprünglich waren es einmal fast 300 Flugzeuge, aber weit über die Hälfte davon wurde zwischen 1993 und heute ausgemustert. Die restlichen rund 1.700 Flugzeuge und Helikopter der alten Aeroflot gingen zum größten Teil praktisch als Geschenke an neu gegründete Regionalgesellschaften. Diese kleinen eigenständigen Gesellschaften gingen zu Dutzenden in den Jahren bis etwa 1998 bankrott und aus den Konkursmassen kauften sich wieder neue Klein- und Kleinstgesellschaften Ihr Material zusammen. Vielfach dienten die alten, billigst zu erstehenden Flieger auch als Ersatzteillieferanten. Das Bild ist dem Russland-Reisenden von fast jedem Flughafen des Landes vertraut: Reihen von ausgeschlachteten Wracks, die die Landebahnen der Flughäfen säumen. In diesen wilden Jahren der post-sowjetischen Luftfahrt habe ich meine Erfahrungen im Luftverkehr der GUS gesammelt. Manches Mal flog sogar die Angst mit, drei Anekdoten in Kurzfassung: - Von Moskau SVO nach Karaganda (Kasachstan) ging es 1997 nachts in Begleitung des 50jährigen Vorstands Marketing eines sehr großen südafrikanischen Herstellers von Stahlseilen. Wir hatten dementsprechend Business Klasse bei Transaero gebucht, flogen aber um 01:30 Uhr nachts nach 3 Stunden Verspätung mit einer uralten Tu-134 A, die schlicht weiß angemalt war - keine Bezeichnung der Fluggesellschaft, keine Registrierung, kein Fleck, alles nur blendend weiß gestrichen - nicht daß Sie jetzt denken, es wäre Schnee gewesen: Als ich beim Einsteigen die Außenhaut des Fliegers neben der Tür anfasste, färbte das Weiß auch prompt ab. Beim Start schüttete sich aus der Hutablage dort angesammeltes Kondenswasser über die C-Klasse Passagiere - die Maschine war offenbar gerade eben erst nach längerer Standzeit wieder in Dienst gestellt worden - Mein Marketingvorstand bekam mindestens 20 Liter mit - das Wasser war sehr kalt und roch nicht gut. Die Stewardess trug erkennbar Privatkleidung und die mitreisenden indischen Passagiere beteten. Es war ansonsten ein ruhiger Flug. (Hello to Richard - that chapter is right about you and me and Transaero!) - Von Moskau DDO ging es mit meinem Partner und Freund Waldemar (Hallo!) einen Tag nach Weihnachten 1996 um etwa 03:00 nachts nach Jekaterinenburg. Wir flogen mit Transaero und mein Partner freute sich darüber, daß es ein westliches Flugzeug war. Bei näherem Hinsehen entpuppte es sich als eine extrem alte 737-100, ausgemustert aus AirFrance Beständen. Geschätzt etwa 30 Jahre alt und offenbar in schlechtem Zustand. Wie andere Passagiere auch (der russische Entertainer Petrosian war mit an Bord) lenkten wir uns mit einem (...?) Glas Vodka ab. Dieser war auch bitter nötig, da die schwache Klimatisierung offenbar mit den extrem niedrigen Außentemperaturen nicht fertig wurde. Die Temperatur im Innenraum betrug sicher kaum über 5°C. Es war ein ruhiger Flug, er dauerte 3 Stunden. - Auf einem Flug von Almaty nach Moskau habe ich einmal in einer uralten DC10 gesessen, die ganz silberfarben war, nur ein blauer und ein roter Streifen, aber ebenfalls keine Registrierung und kein Name der Fluggesellschaft aufgemalt. Die Stewardessen hatten alle unterschiedliche Privatkleidung anstelle von Uniformen an und die Flugzeit war kurzweilig, weil der Pilot dauernd seine Flughöhe änderte. Dauernd heißt etwa alle 5 Minuten. Änderung der Flughöhe heißt geschätzte 3 km rauf und wieder runter und rauf und runter und rauf ... Merken Sie etwas an den Geschichten? Da taucht viel alter Flugmüll aus dem Westen auf. Fakt ist, dass der russische Flugverkehr objektiv viel sicherer ist, als er immer wieder dargestellt wird. Alle oben erwähnten Probleme existieren. Dennoch ist die Anzahl an Unfällen vergleichsweise sehr gering. Die guten unter den russischen Airlines haben geradezu eine vorbildliche Sicherheitsbilanz (für Details zu Unfällen siehe "Aviation Safety Network"), die sich klaglos mit den renomierten US-Linien messen kann. Ich habe persönlich folgende Beobachtungen gemacht: 1. Westliches Fluggerät ist definitiv nicht optimal für russische Flugbedingungen.
2. Konstruktiv sind die russischen Flugzeuge zuverlässig und gut. Es kommt auf die Wartung an.
3. Es gibt nur sehr wenige russische Fluglinien, die nach 1992 (dem Jahr der Privatisierung) eine vor allem von Verantwortung und Augenmaß gekennzeichnete Geschäftspolitik praktizierten. Die meisten sind finanziell ausgequetscht worden.
Da es 1992 im Jahr der Privatisierung weit mehr Flugzeuge gab, als gebraucht wurden und weil die Lebenserwartung eines soliden und ordentlich gewarteten Fliegers ohne weiteres 25 Jahre ist (z.B. fliegen derzeit auch einige Boeing der Lufthansa mit weit über 20 Jahren), war die Schlussfolgerung eigentlich klar: - das älteste Gerät nach und nach ausmustern - das neuere gut warten und pflegen - die Flieger technisch ausbauen (sparsamere, leise Triebwerke, bessere Navigation) - den Komfort und Service am Boden und in der Luft verbessern - sich einen guten Namen am Himmel verdienen Ich könnte nur 3 russische Fluglinien benennen, die dies einigermaßen so realisiert haben - Eine davon ist PulkovoAviation. Inzwischen erwachsen den wenigen Linien, die die vergangenen Jahre wirtschaftlich gut überstanden haben, neue Anforderungen: - langsam müssen wieder junge Piloten ausgebildet und alle besser bezahlt werden - die Flughäfen bedürfen erheblicher Investitionen - auch das Gerät, welches 1995 noch frisch war, ist inzwischen zu ersetzen Was hat Pulkovo aus diesen Umständen gemacht und was hat die Airline vor sich? Pulkovo betreibt derzeit überhaupt nur 4 verschiedene Typen, obwohl die Gesellschaft 36 Jets ihr Eigen nennt: 10 Stück der kleinen Tu-134, 17 Stück des mittelgroßen Jets Tu-154 und 9 Stück der großen IL-86 sowie 5 geleaste Boeing 737. Das ist eine gesunde Mischung aus vier sehr guten Flugzeugen.
Ein Schwachpunkt ist das Alter der kleinen Tu-134, die fast alle 21 - 25 Jahre alt sind und demnächst ersetzt werden sollten. Pulkovo wartet auf die Tu-224 als Nachfolger, aber Tupolev läßt sich Zeit mit der Markteinführung. Die Tu-154 und IL-86 haben mit 7 bis 18 Jahren ein noch recht junges Alter. (siehe die Typenliste)
Die Flugzeuge sind soweit ich sie kenne ausnahmslos in gutem Zustand (inklusive der Tu134). Pulkovo betreibt eine eigene große Werft in St. Petersburg. Der internationale und der nationale Flughafen von St. Petersburg gehören der Fluglinie. Ab 2001 wurden rund 55 Mio. € in die Modernisierung des ohnehin nicht schlechten Flughafens gesteckt. Mit Lufthansa Cargo hat man gemeinsam bereits ein großes und modernes, gut funktionierendes Frachtzentrum hingestellt. Das Catering und der Bordservice haben sich in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert und sind heute meistens nicht schlechter, als z.B. bei Lufthansa in der economy-class. Zeugnis der Arbeit: Pulkovo wurde letztes Jahr zur besten russischen Fluglinie gewählt und der Flughafen zum besten russischen Airport:
Die Gesellschaft hat zahlreiche Büros im Ausland aufgebaut, darunter alleine 7 in Deutschland: PulkovoAirlines Addresse: Schönefeld, Berlin, 12521, Addresse: Frankfurt, 60549 Addresse: Düsseldorf 40212, Addresse: München, 85326, Addresse: Hamburg, 22335, Addresse: Hannover, 30661 ... probieren Sie es mal ! Der alte Leningrader Flughafen "Shossenaya", seit 1932 Heimat der Fluglinie:
Die erste Flotte am neuen Pulkovo-Flughafen 1953:
5 Ergänzungen dieses im Jahr 2001 erstellten Porträts aus 2002 - 2007: - 2002 Die Pulkovo hat eine Presseerklärung über den Test der neuen Tu224/334 herausgegeben, die im Prinzip und in Klartext übersetzt folgendes besagt: Wir würden gerne und sofort unsere alten Tu134 durch Tu224/334 ersetzen. Das Muster, welches wir im Juli 2003 für einige Zeit testen durften hat uns begeistert. Das Flugzeug passt genau. Leider gibt es noch 2 Probleme. Zum einen kann Tupolev im Moment das Modell noch nicht liefern und zum anderen sind die Angebote für moderne Finanzierungsformen (Leasing) alle schlecht. (01/2003) - 2002 Eine IL86 der Pulkovo ist auf einem Leerflug ohne Passagiere unmittelbar nach dem Start in Moskau im Herbst des Jahres 2002 abgestürzt. Die Unfallursache war ein konstruktiver Fehler: Nach dem Start gingen die Triebwerke selbstständig auf Umkehrschub (ähnlicher Fehler, wie bei Boeing 767, der zum Lauda-Air-Absturz führte) die Piloten reagierten richtig und besonnen, hatten aber keine Chance die Maschine noch abzufangen. Der Fehler lag nicht an der Wartung oder den Piloten. Er war wie gesagt konstruktiv bedingt und bis dahin unbekannt, das Auftreten im Flug war ein extrem unwahrscheinlicher Zufall und das Problem ist inzwischen bei allen Flugzeugen dieses Typs abgestellt. Es war der erste Verlust eines Flugzeugs überhaupt für Pulkovo in 75 Jahren und ebenso der erste Absturz einer IL86 überhaupt (sie ist über 15 Jahre im Bau). Details finden Sie auf Aviation Safety Network. Die Handhabung des Unfalls bestärkt mich in meiner Einstufung von Pulkovo als sicherer Fluglinie. (01/2003). Der Sicherheitsstatistik nach ist Pulkovo noch immer sicherer, als sogar Lufthansa. - 2003 Es müßte langsam doch etwas zukunftsweisendes passieren bei Pulkovo: Die Fluglinie mustert zwar weiter altes Gerät aus ( in den letzten 2 Jahren, seitdem ich die Liste führe, hat sich folgendes verändert: 4 Stück IL86 stillgelegt oder verkauft (1 durch Unfall, siehe oben), kein Ersatz 0 Stück TU154 stillgelegt oder verkauft, 9 Stück gebraucht angeschafft 0 Stück TU134 stillgelegt oder verkauft, kein Ersatz ) , das ist nicht das, was man sich erhofft hätte: Bei der alten TU134 kein Ersatz, und bei der TU154 Zukauf von Fliegern mit zum Teil zwar nicht sehr hohem Alter, aber eben gebraucht und zumindest 4 Stück sind dabei noch in China geflogen. Obwohl ich keinesfalls die Qualität der Piloten bezweifeln möchte, aber da fehlt einfach eine junge Generation komplett. Für dieses Jahr ist die Entscheidung über den Ankauf der neuen TU334 angekündigt. Es sollen 25 Stück werden. Hoffen wir es. (02/2004) - 2005 Jetzt ist etwas passiert: Es sind bis März 2005 wieder einige alte TU154 ausgemustert und die besten verfügbaren neueren angeschafft worden. Die TU334 wird nicht angeschafft. Statt dessen sind alte B737 von AerLingus für die Sommersaison geleast worden. Das ist schlecht. - 2005 Im Laufe des Jahres sollen Pulkovo und Rossija verschmolzen werden. Das Projekt läuft unter dem Namen "Sojusz". Rossija ist die Staatslinie mit zumindest 2 neueren TU204 und einer Reihe brauchbarer TU154 in der Flotte. Im Moment läuft das Management der Rossija Sturm gegen die Absicht Pulkovos, die Boeing 737 einzusetzen, hoffen wir, das das etwas bringt. Wenn sich Pulkovo da verzettelt, wäre es schade.
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