"Geschichte"

 

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Interessiert an einer "Geschichte" unserer Datscha ?

Rußland ist ein Land mit einer langen und bedeutenden landwirtschaftlichen Tradition. Im vergangenen Jahrhundert war die russische Landwirtschaft die ertragreichste Europas und Rußland größter Exporteur landwirtschaftlicher Produkte der Erde. 

Schon damals hatte die kleine Oberschicht Ihre Datschen neben den Palais in der Stadt. Richtig populär wurde die Datscha aber mit der Verstädterung in diesem Jahrhundert. Aus den Betonwüsten der Vorstädte konnten sich die Kinder des russischen Wirtschaftswunders in den 60ern und 70ern auf immer breiterer Basis ein Landhäuschen leisten. 

Unsere Datscha entstand vor dieser Zeit. Im Jahre 1952, nicht allzu lange nach dem II. Weltkrieg.

Seit 1936 ist der Stern der Sopranistin Aleksandra Chalileeva am Opernhimmel aufgestiegen. Bereits vor den Kriegsjahren war Sie populär, die Höhepunkte Ihrer Karriere sollten aber in den 50er Jahren kommen, als Sie mit eigenen  Plattenproduktionen und Tourneen mit dem Kirov Theater regelrecht berühmt wurde.

Um seine Idole kümmerte sich der aufstrebende kommunistische Staat geradezu rührend. 

Chalileeva, die bereits mit einer eigenen großen Wohnung im Stadtzentrum gesegnet war (eine Seltenheit, die Regel waren die "Kommunalkas": z.B. 12 Bewohner mit 4 Familien in einer 4-Zimmer Wohnung - eine Küche, ein WC), erhielt als spezielle Zuwendung auf Anweisung aus Moskau nach einer Tournee durch Asien ein Landhaus. Man hat Ihr später gesagt, daß dies darauf zurück zu führen sei, daß Ho Chi Minh sich für den Auftritt in Vietnam bei Stalin direkt und ausdrücklich bedankt haben soll. Eine der ganz wenigen Gelegenheiten, zu denen diese beiden Freundlichkeiten ausgetauscht hätten. Sie hatte tatsächlich von Ho Chi Minh bereits einen Affen als persönliches Dankes-Geschenk mitgebracht und für Stalin kurz vor der Tour in sehr kleinem Kreis ein Konzert gegeben - gut möglich also, daß es so war.

Weil die Qualität vom Feinsten sein sollte, importierte die holzreichste Nation der Erde das Haus "natürlich". Es ist eine finnische Konstruktion, die in Toksovo steht. Wer genau hinsieht, findet die Unterschiede. Beispielsweise sind die Zimmer rund um den großen, geschickt gebauten Ofen enorm isoliert - mit Stoffen und Folie, sowie einer Schicht aus Kohlegranulat. Nach einiger Zeit zum Aufheizen wird es im kältesten Winter mollig warm.

Auch die Bauweise war eher dem finnischen Stil angepasst.

Chalileeva hatte mit Ihrem zweiten Mann einen Sohn: Anatoly Evstigneev, den Vater meiner Frau.

Er baute die Datscha in den 60er Jahren nach seinen Vorstellungen um. Die obere Etage wurde ausgebaut und es wurden oben und unten zwei Veranden angebaut, die auf drei Seiten verglast sind.

Anatoly war Professor an der Technischen Universität im Fachbereich Elektrotechnik. Seine Spezialität: Tieftemperaturtechnik. Elite. Ein Mann der Erfolgsjahre der Sowjetunion.    

Er liebte, wie seine Frau Zvetana (eine Ingenieurin am Forschungszentrum für Radiowellenausbreitung) und seine Tochter Maria (Mode-Designerin - meine Frau), die Datscha und das Leben dort. Im Gegensatz zu seiner Mutter Aleksandra, die das Stadtleben vorzog.

Seit den späten 60er Jahren wuchsen die Nachbardatschen am Toksovo-See wie Pilze aus dem Boden. Im Nu waren alle guten Plätze auf der Seite nahe der Straße bebaut.

In diesen Jahren erklärte dann die Armee die noch nicht bebaute Seite des Sees zum "Truppenübungsgebiet". Der Bauboom war schlagartig zuende und auch die Ruhe am See wieder hergestellt An eine echte Armee-Übung in Seenähe kann sich nämlich keiner der Anwohner bis heute erinnern. Stattdessen hat sich die Armee einen netten Sportkomplex in die Natur des Toksovo-Sees gestellt, an dem nun die Sportgruppe der Armee im Sommer wie im Winter Skispringen, Biathlon und Langlauf trainiert.

Später in 1990 wurde dann die Datscha innen erstmals komplett renoviert. Der Wohnraum unten bekam eine neue Holzverkleidung und das Dachgeschoß neue Tapeten. 

Chalileeva starb schon  in 1984. Ihr Sohn Anatoly, mein Schwiegervater, starb auch viel zu jung mit nur 56 Jahren in 1997 an einem Schlaganfall.

Wir haben seine Datscha in 1999 und 2000 wieder ganz auf Vordermann gebracht, vom Dach bis zum Fundament.

Bereit für ein neues Kapitel.

 

Copyright © 2000 "Unsere Datscha in Toksovo", Maria & Klaus Horst Philipp (Adresse)
Stand: 15. Januar 2007
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