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Nachfolgend finden Sie in loser Reihenfolge Stimmen zu Rußland und St. Petersburg. Informativ, amüsant, besinnlich, ironisch.

Viel Spaß damit:

"Zum heutigen Tag betragen die Währungsreserven der russischen Zentralbank 79,4 Mrd. Euro. Da entsprechend einer Mitteilung der Federal Reserve Bank von letzter Woche die US-Reserven stabil bei rund 75 Mrd. Euro stehen, verfügt die russische Zentralbank erstmals seit über 100 Jahren wieder über größere Reserven, als die amerikanische Notenbank."

(aus einer Zeitungsmeldung des Kommersant am 10.10.2003, .... und niemand hat es bemerkt!, 1. Ergänzung: Am 30.03.05 sind es rund 100 Mrd. €, wenn das Wachstum der Reserven so weiter geht, dann hat Russland in 4 Jahren auch die Europäische Zentralbank und die Bank of England überholt. Bereits jetzt sind die Reserven höher, als die gesamten Auslandsschulden. 2. Ergänzung am 24.01.07: Es sind inzwischen 270 Mrd. € und damit rückt auch die EZB mit Ihren 332 Mrd. € Reserven langsam in Reichweite.)

"In der heutigen Welt will uns niemand mehr bekämpfen. Aber auf uns wartet auch niemand."
(Vladimir Putin, Präsident Russlands, 2002, gefunden in Wirtschaftswoche 18/2002) 

"Jahrzente lang kannten die Russen den Präsidenten oder Generalsekretär in den Neujahresansprachen im Fernsehen nur mehr oder weniger schwächlich hinter einem Schreibtisch sitzend - das Putin die Ansprache im Dezember 1999 quasi im Laufen und Stehen hielt, während er entschlossenen Schrittes vom winterlichen Roten Platz in den Kremel ging, war für Russland ein unglaublich starkes Signal zum Eintritt in ein neues Jahrhundert, kaum ein Russe hat dieses Bild bis heute vergessen. Ein Land, welches nach 10 verlorenen Jahren endlich aufbricht. ... Man war daran gewöhnt, Entscheidungen aus dem Kremel bestenfalls schriftlich mitgeteilt zu bekommen, bis heute werden unter Putin Konflikte und Entscheidungen der Minister im Gespräch mit ihm im Fernsehen übertragen - zuletzt wieder als es um die Rechtfertigung der Umwandelung von Vergünstigungen für Pensionäre in Geldvorteile ging. Haben Sie Schröder eigentlich mal mit Fischer über dessen Visa-Affäre im Fernsehen ein eingehendes öffentliches Gespräch führen sehen ? Nein ?  Fragen Sie einen Russen, was er unter Demokratie versteht und nicht wenige werden Ihnen sagen, daß es das ist. Das sich die Minister jetzt im Fernsehen gegenüber "Ihrem" Präsidenten verantworten müssen. Selbst unter Jelzin, den viele fälschlich als "Vater der russischen Demokratie" sehen (das war, wenn auch ungewollt, Gorbatschow), andere genauso falsch als "den Paten der russischen Mafia" (den gibt es nicht), hat es mehr und vor allem mühevoller versteckte staatliche Beeinflussung und Repression der Presse gegeben, als unter Putin. Der Mann informiert, über das was er tut und der Westen ruft sofort "Propaganda" ... Der Westen versteht Russland nicht, weil er sich dazu auch keine Mühe gibt. Sowenig, wie er sich je bemüht hat, Japan zu verstehen. Russland werden wir aber verstehen müssen, nicht nur weil es in den nächsten Jahren ein starker Wirtschaftsfaktor in unserer europäischen Welt, sondern (wieder) eine wirkliche Großmacht werden wird und wir davor keine Angst haben dürfen. Jedenfalls nicht mehr, als vor der unipolaren Welt, in der wir schon leben."

(Klaus Horst Philipp - das bin ich - Entschuldigung, daß mich hier selbst zitiere - in einem Vortrag vor Mitarbeitern einer deutschen Großbank, die in den nächsten Jahren Russland erschließen möchte, in dem Vortrag zum Jahresende 2004 ging es um die Gefahren für Bankmitarbeiter bei einem Einsatz in Russland - die sahen Russland übrigens in einer Reihe mit Thailand oder Venezuela. Das Hinführen deutscher Unternehmen nach Russland ist übrigens mein Beruf: www.philipp.ph )

 

"Russland wächst und wächst und wächst und wir sind dabei."

(Anzeige der deutschen Metro-Gruppe aus 2005, die mit Ihrem starken Engagement in Russland für Ihre Aktie wirbt !)

"Die Russen selbst fühlen sich einerseits ganz wohl dabei, Russen zu sein, andererseits werden sie immer wieder geplagt von einem grossen Minderwertigkeitskomplex, man schwankt also ein wenig zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass man dort sogar noch stolz darauf ist, wenn alles mal wieder besonders schief geht."
(Gerd Ruge, ARD Auslandskorrespondent und Russlandkenner, 2001) 

Jetzt kommt ein längerer Ausschnitt zum Stand der Freiheit in Russland / Yukos / dem System Putin. Vielleicht nicht allzu spannend, aber das ist das Vernünftigste und am wenigsten Hysterische, was ich zu dem Thema seit Monaten in deutscher Sprache gelesen habe - es lohnt das Durchlesen:

"... Und so ist es ihm nicht nur gelungen Jelzins Schatten ohne großes Aufsehen zu vertreiben, sondern er hat das Land und die Macht auch sichtlich stabilisiert. Zwei Aspekte sind dabei nennenswert. Die großen und kleinen Nutznießer der wilden, meistens kriminellen Privatisierungen der neunziger Jahre lässt er dann ungeschoren, wenn sie sich heute dem Gesetz unterordnen, in die Legalität zurückkehren und beispielsweise dem Staat Steuern zahlen. Das wird eigentlich von allen politischen Kräften im Land akzeptiert. Einerseits haben sich viele Bürger der RF und nicht nur die Oligarchen an der Zerlegung des "Volkseigentums" beteiligt. Zweitens wissen alle, dass in der Geschichte große Vermögen kaum auf "ehrliche" Art und Weise angehäuft worden sind. So setzt man pragmatisch einen Punkt hinter ein Kapitel der Geschichte, das besser mit vielen Fragezeichen gekennzeichnet wäre. Hier ist unter anderem wohl auch die Affäre um Michail Chodorkowski anzusiedeln. Putin fürchtete weder die Person des Oligarchen noch dessen Riesenvermögen an sich. Auch neidete er ihm nicht den daraus entstehenden politischen Einfluss. Chodorkowski wäre wohl noch in Freiheit, wenn er sich im Rahmen der vom Präsidenten vorgegebenen Spielregeln bewegt hätte, wie es die meisten Superreichen in Russland tun. Gefährlich wurde der offene Versuch, die Interessen eines Unternehmens pauschal und kompromisslos über die des Staates zu stellen und am parlamentarischen System vorbei Geld ganz direkt in politische Macht umzumünzen. Ein russischer Manager, der die deutschen Reaktionen auf dien Fall Chodorkowski kommentierte, meinte dazu, dies wäre eben die Schwarzgeldaffäre der Russen. Es geht freilich nicht in erster Linie um ein Steuervergehen. Der Kampf wird um das erst mühselig wieder hergestellte Primat der Politik geführt und ist deshalb so gnadenlos. So kann die harte und unnachgiebige Reaktion der Putin-Regierung nicht verwundern. Das Problem rund um den Jukos-Konzern ist zweifelsohne vielschichtiger. Nebenbei werden noch enorme Finanzmittel in die Taschen der stets hungrigen Staatsbürokraten umgelenkt und die Karten bei der Kontrolle des Erdölgeschäftes neu gemischt. Wer die Chodorkowski-Affäre aber als Angriff auf die Demokratie darstellt, offenbart entweder wenig Kenntnis der russischen Realität oder hat ein eigenartiges Verständnis von Demokratie. Putin hat damit gezeigt, dass die gewählte und demokratisch legitimierte Staatsmacht nun so stark ist, dass sie sich im Gegensatz zu Jelzin nicht mehr bedingungslos auf die Oligarchen stützen muss.

Hier wird der zweite wichtige Aspekt sichtbar. Putin ist nun quer durch die russische Gesellschaft so populär, dass er sich andere Verbündete als sein Vorgänger wählen kann. Diese sucht er durchaus im parlamentarischen System, dem Kern der bürgerlichen Demokratie. Das fällt ihm nicht allzu schwer, da es ihm gelungen ist, den erbitterten Kampf zwischen Linken und Rechten zu neutralisieren, indem er sich Positionen beider Gruppierungen zu Eigen machte. ...

Bei den Wahlen aber ist, zumindest in naher Zukunft, den etablierten und machtnahen Gruppen die Gunst der Wähler sicher, und Überraschungen hat Putin bisher kaum zu fürchten.

Freilich sind auch einige Konkurrenten des Präsidenten freiwillig aus der Politik ausgeschieden. Einige haben offensichtlich auch deshalb auf ihre Kandidatur verzichtet, weil in Russland vor dem Urnengang jeder Kandidat für die Duma sein Vermögen und deren Quellen offen legen und in der "Rossijskaja Gaseta" öffentlich bekannt machen muss. Der Wähler konnte damit erfahren, wer die künftigen Volksvertreter bezahlt. Das mag dem einen oder anderen die Entscheidung für oder gegen einen Kandidaten erleichtert haben. Spötter meinen, das denkwürdige "Gesetz über die Wahlen" vom 20.12.2002 habe beispielsweise alle Versuche Michail Gorbatschows, auf die Bühne der russischen Politik zurückzukehren, von vornherein verhindert.

Ob sich der Kurs Präsident Putins innenpolitisch weiter durchhalten lässt, ist schwer abzuschätzen. Er und seine Umgebung scheinen die Risiken einer Herrschaft ohne Opposition zu kennen oder zumindest zu ahnen. Daher ist den Beobachtern durchaus Glauben zu schenken, die vermeinen, nach den letzten Wahlen eine Unzufriedenheit beim Präsidenten und in dessen engerer Umgebung über das Ausscheiden eines wesentlichen Teiles der Opposition aus dem Parlament wahrgenommen zu haben. Jedenfalls ist es Wladimir Putin bisher recht gut gelungen, die Interessen eines großen Teils der Eliten und der gesamten Bevölkerung zu bündeln. Ihre Unterschiede und Gegensätze mildert er damit, dass er ihnen ihren Anteil an der Macht überlässt. Die Militärs dürfen auf ihrem Gebiet mitbestimmen. Die Unternehmer können in der Wirtschaft schalten und walten. Die Künstler und Geistesschaffenden müssen nicht befürchten, dass sich der Präsident in ihre unmittelbaren beruflichen Belange einmischt. Auch die Bürokratie darf ihren Intentionen weiter nachgehen und die Russen mit ihren Ideen beschäftigen und belästigen. Eines aber will der Präsident unbedingt durchsetzten: die Einhaltung der vom Gesetz vorgegebenen allgemeinen Spielregeln und Richtungen. Wer Russland selbst kennt, weiß, was sich der Mann im Kreml da in einem Land vorgenommen hat, in dem man schon seit Jahrhunderten nach der Devise lebt: Das Land ist groß und der Zar ist weit. ..."

(aus einem sehr hellsichtigen Artikel zur Sicherheitspolitik von Frank Preiß, einem politischen Dozenten am Institut der deutschen Bundeswehr in Hamburg, hier im vollen Text nachzulesen: Preiß)


"Männer reichen sich untereinander, nicht jedoch Frauen, zur Begrüssung die Hand; Frauen reichen sich untereinander nicht die Hand. Der saloppe Gruss unter guten Bekannten und Jugendlichen ist "Priwjet!" ("Hallo!"), ansonsten passt meist "Zdrastwujtje!" ("Guten Tag!"). Förmlicher ist "Dobryj Djen!" ("Guten Tag!"). "
(korrekter Hinweis eines Reiseführers)

"Ich möchte immer in Russland leben, vor allem wegen der Menschen. Die russische Seele ist etwas Unfassbares und Ungeheuerliches. Der russische Mensch hat emotionale Fähigkeiten, die keine andere Nationalität kennt. Wir sind Freunde für das ganze Leben bis zum Tod. Wenn wir lieben, können wir jedes Opfer bringen. In unseren Gefühlen sind wir grenzenlos. Wir haben ein Sprichwort: "Lieber hundert Freunde als hundert Rubel!" Allerdings gibt es heute Menschen, die vom schnellen Geld verdorben sind. Die Entfremdung zwischen den Menschen wächst, weil jeder nur ans eigene Vorwärtskommen denkt oder denken muss, vor allem hier in der Stadt."
(Aus einem Artikel in der "Tageszeitung" vom 16.2.2002, vollständiger Artikel


"Feindbild im Westen - Von welchen Russen ist die Rede in Ihrem Artikel? Sollen jetzt die so genannten Aussiedler aus Zentralasien, die weder Deutsch noch normal Russisch sprechen und die niemals in Russland gewesen sind, zu den Russen und Russland gehören? Oder vielleicht Ukrainer, die ihre eigene Sprache und Kultur haben? Ich fühle mich beleidigt, wenn ich in westlichen Medien lese, dass Ukrainer oder sogar Letten, Kasachen oder Esten plötzlich zu den Russen gerechnet werden. Und warum wird im freien Westen nur über die so genannte Russenmafia so viel spekuliert? Warum hört man nichts über die polnischen oder rumänischen Banden? Ich habe eine Erklärung: Der Westen kann und will ohne Feindbilder nicht leben. Und wer ist für den Westen als Feind am besten geeignet: natürlich Russland."

(Leserbrief von Denis Bolshakov aus Moskau-Chimki als Reaktion auf einen Artikel von Krisztina Koenen über die Russen in Berlin in der WirtschaftsWoche Heft 1/2/2001)


"Prada und Valentino sind längst keine Fremdworte mehr auf dem Newsky, wie die Einheimischen die Straße nennen. "In diesem Haus gab es schon zur Zarenzeit ein Damenmodengeschäft, das wegen der hohen Preise den Beinamen 'Tod der Ehemänner' hatte", sagt die Dolmetscherin Natascha und deutet auf einen der Designerläden. Der Name passe auch jetzt wieder ganz gut. Für normale St. Petersburger und uns Touristen sind die Preise am Newsky Prospekt unbezahlbar. "Wir kaufen unsere Kleidung in Secondhandläden", erzählt Natascha."
(Aus einem Artikel über Sankt-Petersburg, vollständiger Artikel


"Wir Russen sind unserem Wesen nach Anarchisten. Wir sind eine grausame Bestie, und in unseren Adern rollt noch immer das verbrecherische, böse Sklavenblut; das giftige Erbe der Tataren und der Leibeigenschaft.
Das sündigste Volk der Erde; unempfindlich für Gut und Böse, von Schnaps betrunken, vom Zynismus der Macht entstellt, scheusslich grausam und zugleich unbegreiflich gutmütig; ist letztlich ein begabtes Volk."
(Maxim Gorki, Schriftsteller) 


"So ist nun einmal der Russe: Sein leidenschaftlicher Wunsch beherrscht ihn, mit Personen, die auch nur um eine Stufe höher stehen, bekannt zu werden, und die oberflächlichste Bekanntschaft mit einem Grafen oder Fürsten schätzt er mehr als die engsten freundschaftlichsten Bande."
(Nikolaj W. Gogol, Schriftsteller) 


"Wir deutschen Studenten in Russland hatten anfangs den Eindruck, dass wir alle als reiche Leute empfunden wurden. Russische Studenten fragten uns beispielsweise nach der Höhe des Gehalts unserer Eltern und des Typs Mercedes, den sie fahren. Es dauerte eine Weile, bis uns echtes menschliches Interesse für die eigene Person entgegengebracht wurde. Dieses Interesse führte jedoch in den meisten Fällen zu wirklich guten Bekanntschaften und teilweise neuen festen Freundschaften. Unsere russischen Freunde liebten es z.B. sehr, wenn wir ihnen Fotos von unserer Familie und unseren Freunden zeigten und ausführlich dazu erzählten.
Im weiteren Verlauf unseres Aufenthalts in Russland kamen wir uns ausserdem manchmal wirklich "dumm" vor und waren überrascht, wie gebildet die Russen auf den Gebieten der Kunst, Literatur und Musik waren. Fragen nach deutschen Schriftstellern und ihren Werken, die wir (aus Unkenntnis) nicht beantworten konnten, riefen ehrliches Staunen und manchmal auch Entrüsten bei den Russen hervor.
Die bekannte russische Gastfreundlichkeit haben auch wir ständig erlebt. Unserem Eindruck nach würden Russen ihren letzten Bissen für ihre Gäste hergeben, damit diese es beim Gastgeber schön haben. Es fällt äusserst schwer, dem Gastgeber irgendwann klarzumachen, dass es zwar super schmeckt, man aber satt ist und nicht mehr essen kann."
(Manuela Topf, Studentin, 1996) 


"Insgesamt sind die Leute auf den ersten Blick, wenn man ihnen auf der Strasse über den Weg läuft, wahnsinnig unfreundlich (Verkäuferinnen, Schaffnerinnen, u.ä. sind prinzipiell unfreundlich - Erbe des Sozialismus); wenn man sie erst einmal kennen gelernt hat, sind sie dafür um so netter und gastfreundlicher.
Da es in der Stadt wenige Ausländer gibt, waren die meisten sehr interessiert. Fast jeder konnte auch einen Freund, Verwandten, Nachbarn oder Kollegen vorweisen, der nach Deutschland übergesiedelt ist. Leider musste ich die meisten enttäuschen, da ich nicht jedes Kaff in Bayern oder im Rheinland kenne, in dem die beneideten Aussiedler nun wohnen. Ein georgischer Schuster hat mir meine Schuhe umsonst repariert, weil sein Grossvater früher in Deutschland gewesen ist, ein paar Gläschen auf die Völkerfreundschaft habe ich dann auch gleich mit ihm getrunken.
(Eine deutsche Studentin, Herbst 2000) 

"Russland sieht sich nach wie vor als „drittes Rom“. So haben die Staatsfeierlichkeiten auch einen Hauch von byzantinischem Prunk. Schon Putin-Vorgänger Boris Jelzin hatte bei seiner zweiten Amtseinführung (...) seine Oberhofmeister angewiesen, sich soweit wie möglich am Krönungszeremoniell der Romanows zu orientieren. (...) Putin musste daher zwangsläufig Massstäbe setzen."
(Die österreichische Tageszeitung „Die Presse“ zum Amtsantritt des russischen Präsidenten 2000) 


"Wie rückständig Russland im Vergleich zu den Fortschritten in mancher Hinsicht ist, kann man einerseits an der 30seitigen Hausarbeit einer der Studentinnen sehen, die tatsächlich, wie dort üblich, mit der Hand geschrieben war, und andererseits an dem Zustand des öffentlichen Krankenhauses, in dem ich drei Tage aufgrund einer Mandelentzündung verbringen durfte, und allgemein der Toiletten! (Und das gilt nicht nur für die öffentlichen. Ich denke, auf nähere Ausführungen verzichte ich besser.) Mir ist bis heute unverständlich, wie eine bis ins kleinste Detail gepflegte und geschmackvoll angezogene russische Geschäftsfrau, wie meine Kollegin Natascha, derartige hygienische Verhältnisse ohne mit der Wimper zu zucken akzeptieren kann."
(Eine deutsche Studentin, 2000) 

"Nadja war zwar "erst" 21, aber bereits verheiratet, hatte eine zweijährige kleine Tochter, die allerdings bei ihren Grosseltern lebte, und war schon wieder von ihrem Mann getrennt.
All dies ist für Russland durchaus nicht ungewöhnlich, vielmehr wurde mir mit meinen 24 Jahren nahe gelegt, doch bald zu heiraten, denn sonst würde ich vielleicht keinen Mann mehr abbekommen. Ansonsten wurde ich auf 19 geschätzt, als ich angab, noch nicht verheiratet zu sein und zu studieren." 
(Eine deutsche Studentin, 2000) 

"Russische Männer haben offensichtlich eine andere Auffassung über attraktive Frauen: Ich wurde von russischen Männern gefragt, wie man denn deutsche Frauen attraktiv finden könne: Sie hätten nie Röcke und nur Hosen an, würden sich kaum schminken und sich selten schön zurechtmachen - ganz im Gegenteil zu den russischen Frauen. Auf meine Antwort, dass bei den deutschen Frauen Natürlichkeit wichtiger sei und sie sich auch ohne Schminke und aufwendiges Stylen attraktiv finden, reagierten die Russen mit Unverständnis."
(Ein deutscher Student, 2000) 

"Ein für mich weiteres Phänomen ist, dass die Russinnen sehr viel Zeit, Geld und Aufwand für ihr Äusseres aufbringen (über Geschmack lässt sich ja streiten), während die männlichen Russen grösstenteils nicht mal ein Minimum an Körperpflege betreiben. Ausserdem sind sie durchschnittlich fast kleiner als die Frauen, was auf frühzeitigen Alkohol- und Nikotinkonsum zurückzuführen ist (ist nicht meine Theorie! Haben mir mehrere Russinnen ernsthaft versichert)."
(Eine deutsche Studentin, 2000) 


"Aberglaube: Wenn jemand auf grosse Reise geht, wird folgendes Ritual durchgeführt: Der Reisende und alle, die ihn begleiten, setzen sich, bevor sie aus der Wohnung gehen, für ca. eine Minute auf seine Tasche bzw. stehen still und sagen nichts in der Zeit. Wer dieses Ritual nicht einhält, dessen Reise verläuft nicht gut!
Einkauf: Es gibt inzwischen (d.h. seit den 90ern) neben den staatlichen Lebensmittelgeschäften und Kaufhäusern auch viele Privatgeschäfte. Vor allem in staatlichen Geschäften muss man sich neben sehr unfreundlichen Verkäuferinnen auch auf folgende Prozedur einstellen: Zunächst kann man die Waren nicht anfassen und anschauen, da sie in und hinter den Verkaufstheken platziert sind. Weiss man, was man kaufen möchte, merkt man sich vom jeweiligen Produkt den Preis, geht zur Kasse, nennt der Kassiererin Produkte und Preise, bezahlt, legt an der Theke den Einkaufsbon vor, nennt und erhält die gewünschten Produkte. In Privatbäckereien liegen dagegen die Backwaren teilweise so in den Regalen, dass jeder sie berühren kann, bevor er sie kauft. 
Essen und Trinken: Die Vorstellungen zwischen meiner Gastgeberin und mir darüber, wieviel ein normaler Mensch essen kann, lagen weit auseinander. So bin ich es z.B. gewohnt, über die Menge meiner Nahrungszufuhr selbst zu bestimmen und höre immer auf zu essen, wenn ich satt bin, da gewöhnlicherweise stets etwas zu essen vorhanden ist, wenn der nächste Appetit kommt. Die russische Gastfreundlichkeit ist jedoch noch immer vom Mangel geprägt. Frei nach dem Motto "Wer weiss, wann es das nächste Mal etwas gibt" wird gegessen, was das Zeug hält. Obwohl i.d.R. kein Mangel mehr vorhanden ist, bestimmt diese Erfahrung die Essensgewohnheiten. Alla überhäufte mich täglich mit einem Berg von Speisen, dessen ich zu bewältigen nicht in der Lage war. Dieses empfand sie schon fast als Beleidigung und war überzeugt, dass mir ihr Essen nicht schmecken würde. Die Tatsache, dass ich mittags im Unternehmen oder in der Sprachschule warm essen würde, liess sie nicht gelten, denn wenn sie nicht sehen würde, dass ich esse, würde ich auch nicht essen, Punkt. 
Hinzu kam, dass Alla mir stolz täglich eine grosse Portion Fleisch servierte, worauf ich im allgemeinen nicht so viel Wert legte, insbesondere da ich auch wusste, dass Fleisch ein sehr teures Gut war. Ich bin zwar kein Vegetarier, aber auch kein ausgesprochener Fleischesser, bemühte mich aber trotzdem, tapfer alles aufzuessen, was bei den Portionen jedoch nicht zu bewältigen war. Alla konnte mich in dieser Hinsicht nicht verstehen und ich tat mich schwer zu verstehen, warum sie mich nicht verstehen konnte, so dass hieraus hin und wieder ein Konflikt resultierte. Alla war schliesslich davon überzeugt, dass ich eines Hungertodes sterben würde und sie die Verantwortung dafür würde tragen müssen.
Private Einladungen: Russen bereiten sich meist umfangreich auf private Gäste vor - dies betrifft vor allem die Vorbereitung vielerlei Speisen. Es ist üblich, als Gast Blumen, Pralinen, einen Kuchen oder Wein mitzubringen. Ohne ein Mitbringsel zu erscheinen, könnte als unhöflich empfunden werden. Von den angebotenen Speisen auf jeden Fall von möglichst jeder probieren und bestätigen, dass sie schmecken. Die Gastgeberin ist erst zufrieden, wenn der Gast zum Umfallen satt ist. Dies bestätigen ja auch die unter dem vorigen Punkt beschriebenen Erfahrungen ... Sie achteten sowieso darauf, dass ich nicht allein nach Hause fahren musste - ob ich wollte oder nicht. Überhaupt sind die meisten Russen diesbezüglich recht altmodisch, von Emanzipation keine Spur. Eine junge Frau darf eigentlich abends auf keinen Fall alleine nach Hause gehen und wenn sie mit einem männlichen Begleiter unterwegs ist, bezahlt dieser auf jeden Fall sämtliche Ausgaben im Laufe des Abends! Bei uns Ausländerinnen war es noch gerade akzeptabel, wenn wir für unsere eigenen Getränke bezahlten, aber der männlichen Begleitung etwas auszugeben, das ging nun wirklich nicht. Folglich musste ich zusehen, dass ich als erste an der Theke stand, um selbst mein russisches Lieblingsbier, ein Baltika Nr.3, als Trojka bezeichnet, zu bestellen.
Feste und Feierlichkeiten: Weihnachten: Die Russen gehen am 25. Dezember ganz normal ihrer Arbeit nach. In Moskau und St. Petersburg überreicht man sich erst in der Neujahrsnacht die Geschenke - als Weihnachtsmann fungieren Väterchen Frost (Djed Moroz) und seine Assistentin Schneeflocke (Snegurotschka). Nach dem Neujahrsfest liegt das gesamte Land jedoch zwei Wochen lang lahm. Denn nach dem alten, julianischen Kalender fällt das orthodoxe Weihnachtsfest auf den 7.Januar und Neujahr auf den 14.Januar. Die Verwirrung mit Neu und Alt begann nach der Revolution von 1917, als die Kommunisten die christlichen Feiertage abschafften und den gregorianischen Kalender einführten. Auch die Tannenbäume wurden von der Partei aus dem Weihnachtsrepertoire gestrichen, trotzdem werden seit den Dreissigerjahren wieder Christbäume aufgestellt."
(Aus "Wirtschaftswoche" Nr. 51/14.12.2000, S. 183) 



"Ein siebzigjähriger Taxi-Veteran scheint es mehr als eilig zu haben, als er mit 100 Kilometern in der Stunde auf komplett vereister Fahrbahn in Richtung Peter-und-Pauls-Festung brettert. Der Wolga schwankt hin und her wie ein riesiges Schiff auf dem gleichnamigen Fluss. Mein nervös in den Papirosy-Rauch geflötetes Volkslied findet wenig Zustimmung: "Im Taxi pfeift man nicht," pöbelt der Senior, "das bringt Unglück". Andere Länder andere Sitten, denk ich während er bei der Überquerung eines Zebrastreifens fast eine der berühmten Petersburger "Blokadnizy", eine Überlebende der deutschen Blockade, überfährt. "
(Aus einem Artikel von Annette Langer über Taxi-Fahren in St.-Petersburg) 

Russland ist ein zu grosses Land, um für jede Region gleiche Aussagen zum Wetter machen zu können. Heisse Sommer und sehr kalte Winter sind aber meist keine Seltenheit. Auch wenn es Überwindung kostet, nützt es doch, sich bei längeren Aufenthalten im Winter eine Pelzmütze zuzulegen oder zumindest auszuleihen - zum einen schützt sie wirklich vor der der eisigen Kälte, zum anderen hat sie nach Aussage von deutschen Studenten den Vorteil, dass man mit ihr etwas russischer aussieht und man nicht mehr von jedem Passanten als Ausländer geoutet werden konnte. Man sollte sich auch nicht wundern, wenn die Russen in ihren oft schlecht isolierten und geheizten Wohnungen alle Flammen am Gasherd sowie den Herdofen über längere Zeit auf höchster Stufe laufen lassen, einfach um mehr Wärme in der Wohnung zu erzeugen.
(Eine deutsche Studentin, 2000) 

Einige dieser Kommentare (von deutschen Studenten in St. Petersburg) stammen von der Seite von Manuela Töpfer über Menschen und Mentalitäten in Osteuropa, die hiermit empfohlen ist.

 

Copyright © 2000 "Unsere Datscha in Toksovo", Maria & Klaus Horst Philipp (Adresse)
Stand: 15. Januar 2007
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