300 Jahrfeier

 

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300 Jahre, ist das etwas ? ... so fragen Sie sich zurecht. Von daheim kennen Sie die diversen 700 oder gar 900 Jahrfeiern der älteren deutschen (Klein-)Stadtgründungen und wer etwas Geschichtswissen parat hat, wird wissen, daß Köln oder Trier stramme 2000 Jahre auf dem Buckel haben.

Warum also soviel Aufhebens um eine Stadt in Rußland und Ihren 300. Geburtstag ?

Die Antwort liegt in der Geschichte dieser Stadt. Wohl keine der wirklichen und großen Metropolen der Erde war in den letzten Jahren Ihrer kurzen Geschichte so oft dem Untergang anheim gegeben, wie diese erstaunliche Stadt im Nordosten Europas.

Heute ist es die drittgrößte (3.) Stadt Europas (weit größer als Wien, Berlin, Madrid oder Amsterdam und nur geschlagen von London und Moskau, sogar Paris ist kleiner).

Es gibt keine weitere so junge Städte auf der Erde, die ähnlich groß wäre - sogar Sydney ist etwas älter (und auch New York).

Andererseits ist das Zentrum von St. Petersburg ein einziges großes und wahres Denkmal der Architektur des 18. bis 19. Jahrhunderts. Kaum eine Bausünde fällt ins Auge, selbst die Architektur der Stalinzeit passt sich wundersam dem einmaligen Stadtbild an, an dessen Grundzügen seit der sorgfältigen Gründungsplanung nichts wesentliches geändert wurde.

Und dann ist da ständig der drohende Untergang präsent:

Peter der Große ließ die Stadt buchstäblich kraft seines Willens und seiner absoluten Macht aus dem Sumpf erschaffen. Mehrfach versuchten andere, sie genau dort wieder versinken zu lassen. Wohlgemerkt: Die Stadt versinkt ja ständig von selbst - rein physisch geht es jedes Jahr aufs Neue um Millimeterweise Korrekturen an Fundamenten und Gründungen im schwierigen Boden des Mündungsdeltas der großen Neva. Die U-Bahn (russ. Metro) war in den 60er Jahren eine bautechnische Meisterleistung - sie liegt extrem tief unter der Erde, um überhaupt unter dem Sumpfland tunnelbaufähiges Gestein zu erreichen. Dazu kommen wie gesagt Versuche von menschlicher Hand, die Stadt wieder verschwinden zu lassen:

- Nach dem Tode Peters hatten seine Nachfolger nichts eiligeres zu tun, als sich von diesem unheimlichen und vor allem "unrussischen" Fremdkörper im zurückgebliebenen Reich zu trennen. - Praktisch alle Behörden und die Hauptstadtrechte gingen wieder an Moskau und die Stadt verfiel fast so rasch, wie sie gebaut worden war. Erst Zarin Elizabeth entfloh den komplexen Machtstrukturen Moskaus wieder und brachte die Stadt zur ersten großen Blühte.

- Nach der Oktoberrevolution verlegten dann die Kommunisten rund 150 Jahre später den Sitz der Hauptstadt wieder nach Moskau. Damit sollte ein Zeichen der Distanzierung vom zaristisch feudalen St. Petersburg gesetzt werden. In den Jahren bis 1918 war aber St. Petersburg bereits zum intelektuellen Zentrum Rußlands gewachsen und industriell von Moskau unabhängig. Die politische Konzentration der Kommunisten auf Moskau bescherte Leningrad - wie Petersburg von 1920 bis 1990 hieß - eher etwas mehr Freiraum, wovon die Künste wohl bis heute profitieren.

- In die bedrohlichste Lage brachte die Stadt allerdings die deutsche Armee. 900 lange Tage von 1942 bis 1945 war die Stadt eingekreist und wurde belagert. Hitler selbst hatte den ausdrücklichen Befehl gegeben, St. Petersburg vollkommen zu vernichten ("vom Erdboden zu tilgen"). Dabei wurde der Tod von Millionen von Einwohnern in Kauf genommen. So sicher war sich die Führung Deutschlands damals Ihres Sieges, daß das auswärtige Amt bereits die Einladungskarten für den Siegesempfang des Führers im Hotel Astoria gegenüber der Botschaft des Reiches drucken ließ. Die Rechnung hatten die Nazis aber ohne die Petersburger gemacht. Keinen Meter kam die Wehrmacht in die Stadt hinein - schon gar nicht in die Nähe irgendeiner Siegesfeier. Buchstäblich jeder Grashalm wurde bis zum letzten verteidigt und selbst als durch Beschuß und Aushungerung (eben die Belagerung) 900.000 (neunhunderttausend) Menschen gestorben waren, dachte die Stadt nicht ans Aufgeben. In diesen 900 Tagen ist der einstige Fremdkörper schließlich zum Symbol für ein Rußland geworden, wie es eigentlich bis heute nie wirklich bestanden hat: Auf Gemeinsinn gegründet, Neuem gegenüber offen, entschlossen, wohl organisiert und wirklich von höchstmöglicher Kultur noch mitten im unsäglichen Leiden und massenhaften Sterben der Belagerung. Dieses Petersburg war der Leitstern eines neuen Rußlands und nach 1945 endlich auch in den Herzen der Menschen Russlands angekommen.

(P.s.: Die oben erwähnten Einladungskarten zur Siegesfeier im Hotel Astoria in St. Petersburg fand ein russischer Gefreiter nach der Eroberung Berlins in den Ruinen des auswärtigen Amtes - er wird wohl nicht einmal darüber gelacht haben können, aber es muß schon ein sehr besonderes Gefühl gewesen sein, damals im Mai 1945 als Russe mitten in Berlin. Die Karten sind u.a. im Museum der Belagerung "Blockademuseum" ausgestellt.)

St. Petersburg ist nicht die Hauptstadt Rußlands, auch wenn weit überwiegend St. Petersburger heute die politische Führung des Landes stellen (an der Spitze Vladimir Putin, der selbst einmal den Rang eines Vizebürgermeisters in seiner Heimatstadt hatte oder German Gref, der den neuen wirtschaftspolitischen Kurs bestimmt). Wenn man weiß, welch unterschiedlichen Klang in Deutschland Städtenamen wie Berlin (groß, chaotisch, nutzlos, teuer), München (sehr teuer, fleißig, effizient, modern) oder Stuttgart (sehr fleißig, sehr gut organisiert, sehr langweilig) haben, dann können Sie sich leichter vorstellen, wie wichtig die Einschätzung der Russen praktisch ungebrochen seit dem II. Weltkrieg für Ihre heimliche Hauptstadt ist: als vernünftig, verlässlich, modern, gebildet wird St. Petersburg angesehen. Der Weg Gorbatschovs heraus aus der kommunistischen Starre wurde hier am vorbehaltlosesten gefördert. Als die Panzer in Moskau gegen die junge Demokratie rollten, war es nicht Jelzin, der sich als erster bedeutender Politiker gegen den Putsch stellte (auch wenn er am Ende wirklich entscheidend war), sondern es war Sobtschak (Gouverneur von St. Petersburg), der erklärte, dieser Putsch sei ein lokaler Unfall in Moskau und betreffe St. Petersburg und überhaupt Rußland nicht wirklich. Hier und im gesamten Oblast rund um die Stadt regte sich kein Soldat und kein Panzer im Sinne der Putschisten - selbstverständlich (oder zumindest so, als ob das selbstverständlich wäre). Selbst wenn die Putschisten in Moskau mehr als nur wenige Stunden Herren der Lage gewesen wären - Rußland war in keiner Sekunde in Ihren Händen. St. Petersburg war es nicht.

Auch als das Geld aus den Provinzen ab Mitte der 90er Jahre seinen Weg fast nur noch ins chaotische, ein Stück weit regel-, zügel- und gesetzlose Moskau fand und wirtschaftlicher Wohlstand nur dort wirklich sich selbst feierte, selbst dann blieb die Stadt im Norden kühl und gelassen. Heute ist die wirtschaftliche Entwicklung Petersburgs auf eine breite industrielle Basis gegründet und seit 2 Jahren sind die Wachstumszahlen plötzlich (trotz der Stadtverwaltung, die dafür nichts kann) in St. Petersburg mindestens auf gleichem Niveau, wie in Moskau. Die Arbeitsbedingungen sind ungleich besser und die Preise für Wohnraum und das Leben selbst nicht annähernd so weltfremd, wie in Moskau.

Nicht zuletzt die anerkannt erstklassige Arbeit, die die Mannschaft rund um Putin in Moskau derzeit abliefert und der beginnende industrielle Boom in Russland werden letzten Endes vielleicht dazu führen, daß auch der offizielle Titel der Hauptstadt wieder da landet, wo er nach Meinung der Menschen im Lande hin gehört.

Zugegeben: Da gibt es auch im St. Petersburg der 90er häßliche Mafiamorde, die Legende sind (nicht zuletzt an Frau Starovoytina, einer der wenigen hochangesehenen Politikerinnen des Landes). Da sind politische Zustände, die teilweise mindestens anrüchig sind, teilweise (soweit dann nämlich beweisbar) schlicht Korruption genannt werden müssen. Alles das und weit mehr trübt das Bild, ganz sicher. Es bleibt dramatisch und grandios.

Nun also: Wenn die nördlichste Millionenmetropole der Erde, die jüngste Stadt Ihrer Größe, die Zukunft Rußlands, ein kulturelles Zentrum der Erde, die dynamischste Metropole Europas Ihren 300. Geburtstag gefeiert hatl - lohnt es sich dann darüber zu reden ? Ganz sicher !

(Der Text erscheint Ihnen etwas voreingenommen ? Gut erkannt. Das hat jemand geschrieben, der diese schwierige, aufregende und manchmal harte Stadt wirklich mag. Berücksichtigen Sie das bitte und tun Sie etwas ab - aber wirklich nur etwas !)

 

Copyright © 2000 "Unsere Datscha in Toksovo", Maria & Klaus Horst Philipp (Adresse)
Stand: 15. Januar 2007
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